Gelungenes Wiedersehen mit Alfred Müller und
Solveig Müller im Königshainer Firstenstein
von Anja Beutler (SZ)
Als Alfred Müller zum Schluss als "älterer, leicht besoffener Herr" über die Bühne wankte und lallend von den politischen Parteien und den nächsten Wahlen erzählte, war die Stimmung seltsam gespannt. Von der SPD und den Nationalen erzählte er, von den Linken und den Rechten - und jedes Mal sagte Müller, mit seiner Schnapsflasche fuchtelnd: "Die wähl' ich!" Vielleicht hat manch einer der 150 Gäste im Königshainer Hotel "Zum Firstenstein" bei diesem Tucholsky-Text am 10. September 2004 schon an den kommenden Sonntag und seine eigene Qual der Wahl gedacht. Die fast 70 Jahre, die zwischen der Entstehung des Textes und dem Auftritt Alfred Müllers lagen, waren in diesem Moment jedenfalls wie weggeblasen.
Nichts haben die beiden bekannten DDR-Schauspieler Alfred Müller und Solveig Müller bei ihrem Tucholsky-Abend vergessen: Über Politik haben sie ebenso gesungen und philosophiert wie über die Hochnäsigkeit der Großstädter, oder die feinen - aber oft einflussreichen - Unterschiede zwischen Mann und Frau. In einem bunten Reigen verbanden die beiden anderthalb Stunden lang mühelos einen Tucholsky-Text nach dem anderen. Klug ausgesucht hatten sie die Texte, wählten Tucholskys Klassiker, die auch heute noch ins Schwarze treffen, weil sie die menschlichen Schwächen im Allgemeinen aufs Korn nehmen: Schlag mal nach bei Tucholsky.
Auch wenn Tucholskys Kritik am Staate noch heute seinen Witz nicht verloren hat, steigerten sich die beiden Schauspieler beim Allzumenschlichen spürbar: Das Plädoyer für ein eigenes Bett und gegen den nächtlichen Geräuschpegel des Gatten, sprach einigen Gästen wohl ebenso aus dem Herzen wie die Glosse auf die allgemeine Telefonitis, bei der sich die Gesprächspartner nichts sagen, aber alles sagen müssen.
Der feinsinnige Humor, der Alfred Müller nicht nur bei seinen Sketchen mit Helga Hahnemann berühmt gemacht hat, wirkt in dieser kleinen Form am besten und kommt bei Tucholsky ohnehin gut zum Tragen. Mit Solveig Müller, die vor allem mit Fernsehserien wie "Zahn um Zahn" oder "Polizeiruf 110" bekannt wurde, hatte der inzwischen 78-jährige Schauspieler eine kesse Partnerin zur Seite, die gut mit ihm harmonierte. Routiniert, aber keineswegs gelangweilt präsentierten die beiden das Programm, bei dem sie sich - außer einiger weniger Requisiten - nur auf ihre Stimmen, auf Mimik, Gestik - und auf den von Tucholsky so oft geforderten - gesunden Menschenverstand verließen.
Für den Firstenstein war der Abend ein gelungener Start in die zweite Jahreshälfte.
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