Im Osten: Lachen auf höherem Niveau
von Katharina Gräbner
Eigentlich stand ja auf der Eintrittskarte zur sonnabendlichen Veranstaltung, am 11.Jannuar 2003, in großen Lettern "Buchlesung" mit Renate Holland-Moritz. Die Berliner Autorin muss ursprünglich auch vorgehabt haben, aus ihren Büchern zu lesen, hatte sie doch einige Exemplare mit Markierungszetteln bestückt auf ihrem Tisch liegen. Doch zum Lesen ist Renate Holland-Moritz vor lauter Erzählen kaum gekommen. Innerhalb von drei Stunden bewies sie dem lachfreudigen und aufgeschlossenen Publikum, dass ihre Zunge genauso spitz ist wie ihre Feder.
Zu Beginn dankte Renate Holland-Moritz erst einmal jedem Einzelnen für sein zahlreiches Erscheinen. Aus der Tatsache, dass kein Platz im großen Saal unbesetzt geblieben war, schloss sie, das Fernsehprogramm müsse noch schlechter sein als sonst.
Damit war sie schon bei ihren Lieblingsthemen: Fernsehen und Kino. Seit vielen Jahren besucht Holland-Moritz als Kritikerin für die Satirezeitschrift "Eulenspiegel" das Kino und warnt jeden davor, auf bloßen Verdacht hin einen Filmpalast zu betreten. "Sie brauchen einen Kritiker Ihres Vertrauens", ruft sie und stellt auch gleich klar, wer für diese Position in Frage kommt.
Film schlechter alsdie Kritik: Geld zurück
Von ihrer Kritikfähigkeit ist sie so überzeugt, dass sie eine alte Gepflogenheit aus DDR-Zeiten wieder aufnimmt. Kinogänger aufgemerkt! Renate Holland-Moritz erstattet Ihnen das Eintrittsgeld zurück, wenn Ihnen ein von ihr empfohlener Film nicht gefallen hat. Da jedoch inzwischen die Eintrittsgelder eine andere Dimension angenommen haben, sieht sie sich gezwungen, doch einige Bedingungen zu stellen: "Bringen Sie mir einen Zeugen, der gesehen hat, wie Sie sich bei dem Film gelangweilt haben. Er darf mit Ihnen nicht verwandt oder verschwägert sein. Dazu noch eine notarielle Beglaubigung und ich erstatte Ihnen das Geld."
Mit den Worten "Ich quatsche und quatsche, bis ich nicht mehr weiß worüber", wandert Renate Holland-Moritz nahtlos von einem Thema zum nächsten - sie gibt Anekdoten von Willi Schwabe, Manfred Krug und Agnes Kraus zum Besten und erzählt von ihrer Lesereise in die alten Bundesländer, bei der sie sich mit vielen Vorurteilen konfrontiert sah, die sie pointiert so zusammenfasste: "Die dachten doch tatsächlich, wir hätten 40 Jahre lang statt mit Messer und Gabel nur mit Hammer und Sichel gegessen."
Renate Holland-Moritz verteidigt ihren Osten und ist fest davon überzeugt: "Wir lachen auf höherem Niveau!". Diesen Satz hat sie wohl zum Motto ihrer "Lese"-Abende gemacht und es gelingt ihr auch mühelos, es umzusetzen.
Renate Holland-Moritz erzählt Anekdoten, Weisheiten, Episoden. In Königshain trifft sie damit den Nerv der Zuhörer.
Als Nachteule schrieb sie auch schon mal im Bett
von Constanze Prause
Renate Spangenberg hat hunderte Lieblingskinofilme. "Casablanca" ist ihr größter Favorit. Die Plaudertasche, die sich selbst als „Klatschtante“ bezeichnet, schreibt seit vielen Jahren Filmkritiken für den Eulenspiegel. Der Name Spangenberg, wird jedoch nur wenigen etwas sagen. Denn die Autorin unterschreibt mit ihrem Mädchen- und Künstlernamen: Holland-Moritz.
Im Saal des Königshainer Restaurants „Zum Firstenstein“ lauschten zahlreiche Zuhörer ihren Geschichten aus „Die tote Else lebt“ und anderen Büchern. Mit Anekdoten und Geschichten, Klatsch und Tratsch über Künstler, Schauspieler oder Politiker, begeisterte sie über drei Stunden ihr Publikum. Auch danach hat die resolute Kettenraucherin immer noch genug Erzählstoff für neugierige Journalisten auf Lager und berichtet aus ihrem Leben.
Renate Holland-Moritz wohnt in Berlin-Wedding. Dort steht ihr Schreibtisch. "Früher habe ich im Bett geschrieben. Da konnte ich mir einbilden, das Schreiben wäre gar keine richtige Arbeit", lacht die wesentlich jünger wirkende 67-Jährige. Früher achtmal, heute noch drei- bis viermal pro Woche ist sie im Kino. Ihre Gedanken bringt sie zuerst per Hand, dann mit Hilfe einer Schreibmaschine zu Papier. Den Sohn, der ihr zu Weihnachten einen Computer schenkte, bezeichnet sie augenzwinkernd als Geschenkterroristen. Mit der neuen Technik stehe sie auf Kriegsfuß. "Mailen kann ich nicht. Das macht mein Mann.". Ihre mit Witz und Ironie verpackten Kritiken kann man jetzt in Zeitschriften lesen oder in einem sächsisch-anhaltinischen Radiosender hören.
Renate Holland-Moritz sagt: "Das Schreiben ist eine Arbeit, die immer schwerer wird. Dem Schriftsteller nützt Routine nicht. Ich lebe andauernd in der Angst, mich zu wiederholen." Ehemann Friedemann Spangenberg, einst Dramaturg, jetzt ihr Begleiter bei den Lesungen, ist der Erste, der ihre Geschichten zu hören bekommt. Doch ist er ihr nicht immer streng genug. "Das ist mir jedoch wichtig", denn beim Schreiben will die Autorin "das Optimum erreichen".
Die Mutter von zwei Kindern ist inzwischen auch Großmutter von drei Enkelkindern. Sie erzählte, eins ihrer Enkel sollte zum 40. Jahrestag der DDR, am 7.Oktober, geboren werden. Das habe sie der Tochte jedoch rigoros verboten. So kam der Sprössling danke Einsatzes der Mutter einen Tag vorher auf die Welt.
Im Laufe der Jahre entstanden 19 Bücher. Die Nummer 20 ist in Arbeit. Auch nach der Lesung spielt der Notizblock eine wichtige Rolle. Auf der Rückfahrt nach Berlin textet Renate Holland-Moritz Beifahrerin im Auto ihres Mannes die Kritik zum Kinofilm „Reine Nervensache“.
Warum konzentriert sich Renate Holland-Moritz auf den Osten? Die sympathische Frau, die mit der vor einem Jahr verstorbenen Politikerin Regine Hildebrand befreundet war, ist mit dem Osten eben sehr verbunden. Was würde sie machen, wenn sie Macht hätte? "Ich würde den Versuch, eine gerechtere Welt anzustreben, noch einmal wagen. Denn der Sozialismus mit seiner christlichen Grundidee, ist aus der Welt nicht wegzudenken."
Renate Holland-Moritz signierte Bücher und plauderte auch nach der Lesung noch mit Autorin Constanze Prause aus dem „Nähkästchen“
Foto: Carola Gerlach
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